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Martin Heyden & Biggi Weber: Auf der Suche nach der Ewigkeit – Realitäten

Leseprobe aus dem Buch: „Auf der Suche nach der Ewigkeit – Realitäten –“

aus der Kurzgeschichte: Leben im Paradies

…An diesem Abend erzählt zunächst Hugin eine Geschichte, die ihm am Nachmittag ein Wildesel erzählt hat:

Es war einmal ein kleiner Esel, der lebte auf einem Bauernhof. Tag für Tag musste er schwere Säcke mit Getreide zur Mühle und auf dem Rückweg Säcke mit Mehl zum Hof tragen.

Wenn der kleine Esel sich weigerte, den Weg zu gehen, bekam er vom Stallburschen des Bauern harte Schläge mit einem Stock auf seinen ohnehin geschundenen Rücken.

Am Abend band ihn der Stallbursche dann mit einer Eisenkette im Stall fest. Diese war so kurz, dass der kleine Esel sich nicht einmal richtig auf den Boden legen konnte, ohne dass ihm die Luft abgeschnürt wurde. Dann warf ihm der Stallbursche noch lieblos eine Handvoll Heu in die Krippe und trottete davon.

So ging es viele, viele Jahre. Der kleine Esel wurde älter und immer trauriger und einsamer. Auch sein Rücken schmerzte von Tag zu Tag mehr. Eines Abends, als der inzwischen sehr alte Esel wieder einsam und alleine in seinem Stall auf dem trockenen Heu herum kaute und ihm die Tränen der Verzweiflung die Wangen hinunter liefen, erschien plötzlich eine sehr helle Gestalt neben ihm.

“Wer bist Du?”, stotterte der Esel erschrocken und verschluckte sich an dem Bissen Heu, den er gerade hinunterschlucken wollte. “Ich bin Dein Schutzengel”, antwortete das helle Wesen und klopfte dabei kräftig den Rücken des hustenden Esels. “A-aber was machst Du hier bei mir?”, stammelte der Esel immer noch leicht hüstelnd. “Nun”, begann der vermeintliche Engel langsam. „Du rufst doch schon viele Jahre nach mir. Bisher dachte ich immer, der Bauer hätte irgendwann Mitleid mit Dir und würde sich besser um Dich kümmern. Leider musste ich heute erkennen, dass das wohl nicht der Fall sein wird und darum bin ich nun hier, um dir zu helfen.” „Wie willst DU mir denn helfen?”, entgegnete der Esel missmutig. “Wirst Du mir etwa Flügel verleihen, damit ich davon fliegen kann?”, fügte er sarkastisch hinzu.

Der Engel überlegte kurz, dann meinte er: “Hm, auf die Idee bin ich gar nicht gekommen, aber jetzt, wo Du das vorschlägst, warum nicht?” Ehe sich der alte Esel besinnen konnte, sprang die Kette an seinem Hals entzwei und er schwebte ganz langsam und leicht in die Höhe. Der Engel setzte sich auf seinen Rücken und streichelte ihn zärtlich. Bei jeder Berührung des Engels wurden die Schmerzen des Esels weniger, bis er schließlich völlig schmerzfrei und laut lachend in die Wolken eintauchte.

Immer höher und höher flog nun der Esel mit seinem Engel auf dem Rücken. Als sie die Erde verlassen hatten und an den vielen Sternen mit rasender Geschwindigkeit vorbei flogen, löste sich der Körper des Esels immer mehr auf. Er verwandelte sich ebenfalls in einen hell leuchtenden Engel.

„Juhu, jetzt weiß ich wieder alles!”, rief der neue Engel aufgeregt. “Ich habe mich vor vielen Jahren entschieden, als Esel auf dem Planeten Erde zu leben, um die Erfahrung zu machen, was Einsamkeit, Traurigkeit und Schmerz bedeuten. In Wahrheit aber bin ich ein Engel und nun sehr froh, wieder hinter alle Welten zurück zu kehren.”

(…)